Als Yogalehrerin begegne ich vielen inspirierenden Menschen.
Doch manchmal sitzt die größte Inspiration direkt vor einem, ohne es selbst zu wissen.
Mit 82 Jahren gehört Mrs. K. zu den ältesten Teilnehmerinnen meiner Yogastunden auf Mallorca. Vor einiger Zeit musste sie krankheitsbedingt pausieren. Nun hat sie den Mut gefunden, auf die Matte zurückzukehren – Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug.
Nach der Stunde kam sie zu mir und sagte: „Ich möchte gerne wieder den Anschluss finden.“
Ich musste lächeln.
Denn während der gesamten Stunde hatte sie aufmerksam mitgearbeitet, die Übungen konzentriert ausgeführt und erstaunlich gut mitgehalten. Sie war präsent, achtsam und voller Hingabe. Nichts wirkte verbissen oder ehrgeizig. Stattdessen strahlte sie etwas aus, das man nur schwer beschreiben kann: Gelassenheit vielleicht, oder eine innere Ruhe.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie unterschiedlich jeder seinen eigenen Weg wahrnimmt. Während sie das Gefühl hatte, erst wieder Anschluss finden zu müssen, sah ich eine Frau, die bereits wieder mitten auf ihrem Weg war. Sie hatte, trotz eines herben Rückschlags, den Anschluss nie verloren.
Als ich ihr meine Gedanken dazu mitteilte, hatte sie Tränen in den Augen. Weil auch Mrs. K. mit ihren 82 Lebensjahren Erfahrung, noch gesehen werden, mit dabei sein und anerkannt werden möchte. Und vielleicht, genau wie jeder andere, dabei vergisst, einfach nur zu sein.
Gemeinsam haben wir uns vorgenommen, mehr dieser besonderen Weisheit des Alters zu vertrauen.
Darauf, dass es in Ordnung ist, nicht alles zu können. Dass wir uns nicht ständig vergleichen müssen, oder stärker oder beweglicher als andere sein wollen.
Und uns zu erinnern, immer wieder zurückzukehren. Zum eigenen Körper. Zum eigenen Atem. Zu sich selbst.
Gerade beim Yoga für Senioren und beim Yoga ab 50 begegnen mir diese Gedanken immer wieder. Viele Menschen glauben, sie seien nicht mehr beweglich genug, nicht sportlich genug oder hätten zu lange pausiert.
Doch Yoga fragt nicht nach Perfektion. Yoga fragt nur: Was kann ich heute für Dich tun?
Jeder Körper erzählt seine eigene Geschichte. Mit Lachfalten, Narben, Erfahrungen und Herausforderungen. Und jeder Körper verdient Respekt.
Mrs. K. hat mich daran erinnert, dass gesundes Altern nicht bedeutet, den Körper ständig optimieren zu wollen oder bestenfalls die Zeit anzuhalten. Es bedeutet im Flow zu sein, mit dem Leben in Bewegung zu bleiben. Körperlich, geistig und emotional.
Sie hat mir einmal mehr gezeigt, was es bedeutet, in Würde älter zu werden. Nicht gegen den Körper zu kämpfen, sondern mit ihm zu arbeiten. Seine Grenzen anzuerkennen und gleichzeitig neugierig auf das zu bleiben, was noch möglich ist.
Genau deshalb liebe ich Yoga.
Nicht wegen der perfekten Haltung. Nicht wegen der beeindruckenden Social Media Fotos. Sondern wegen der Menschen.
Wegen der Geschichten, die sie mitbringen.
Und wegen der leisen Momente, in denen wir erkennen, dass Stärke manchmal ganz anders aussieht, als wir es ursprünglich erwartet hätten.
Mrs. K., Danke für diese Erinnerung.
Namasté.